Interview mit Pater Knüfer SJ (Langfassung)

Eine Stunde lang wollten wir für den Freundesbrief Pater Knüfer interviewen – daraus wurden dann fast zwei… Denn der Jesuit, der gleich nach der Wende als Studentenpfarrer nach Leipzig kam, ist ein so lebendiger Erzähler und kluger Gesprächspartner, dass wir immer mehr hören wollten. Das Gespräch war spannend und amüsant, uns zugleich aber auch wie eine gute Predigt Anregung weiterzudenken. Und das möge es auch den interessierten Lesern sein.

Am Anfang erfahren wir, dass Herr Knüfer fließend Latein spricht, kommen dann aber erst einmal auf den Beginn seiner priesterlichen Laufbahn zu sprechen.

Knüfer: Ich gehöre zu den seltenen Fällen, die von der Kindheit her Pfarrer werden wollten. Dass ich Jesuit werde, war dann so mit 15 Jahren klar.

Freundeskreis: Hatten Sie Kontakte zu Jesuiten, die Sie beeindruckt haben?

Nur vereinzelt. Es war bei mir eine sehr systematische Entscheidung. Ich habe mir aus der Klosterbibliothek die großen Ordensregeln kommen lassen, gelesen und gesagt, dass mach ich.

Weil Pater Knüfer uns aber ein Interview über seine Zeit als Studentenpfarrer in Leipzig zugesagt hat, kommen wir sehr schnell auf das eigentliche Thema:

F.: Wie sind Sie zur KSG gekommen? Und welcher Punkt war das in Ihrem Leben?

Also gut, kommen wir zur KSG. Ich war 54 Jahre, als ich nach Leipzig kam. Ich habe vorher 20 Jahre Jugendarbeit gemacht, schon während des Studiums im Praktikum. War da vor allem in München und Nürnberg und auf Bundesverbandsebene tätig. Man stellt sich hier das „katholische Bayern“ vor. Dabei hatte damals schon in den 70er Jahren München in Schwabing einen Sonntagskirchenbesuch vielleicht von 5% . Ich habe Beichte zur Firmung gehört. Von den Jugendlichen ging eigentlich normalerweise keiner in die Kirche. Ich habe sie gefragt, warum sie sich eigentlich firmen lassen: naja… Soviel zum katholischen Bayern. Als ich dann nach Würzburg als Studentenpfarrer kam, war das meine letzte Station vor Leipzig, das war 1985. Ich war von 1985-1991 Studentenpfarrer in Würzburg. Da war ich auf einmal in einem viel katholischeren Milieu. Provinzstadt (das darf man nicht so laut sagen) gegenüber München (eine Million Einwohner damals schon und Würzburg hatte hunderttausend) –  unterfränkischer Katholizismus. Von den Arbeitern nur „die Schwärz“ genannt. Und „die Schwärz“ im Fränkischen ist die Einheit von Klerus, katholischer Kirche und CSU. Ja, so ein bisschen wie kölscher Klüngel, das ist die Mentalität. Alle Domkapitulare waren damals Mitglied in der CSU. Insofern war eine KHG, die gesellschaftskritisch war, mit dem Ordinariat in Konflikt – nicht im Namen des Evangeliums oder Kirchenrechts, sondern im Namen des CSU-Parteiprogramms. Das war zu meiner Zeit noch relativ friedlich. Meine Vorgänger hatten damit viel mehr Scherereien. Die haben mal gestattet, dass sich Homosexuelle in den Räumen der KHG trafen, mein Gott, war das ein Skandal. Daraufhin musste der Studentenpfarrer alle Raumvermietungen vom Ordinariat genehmigen lassen. (Knüfer lacht.) Als ich nach Leipzig kam, war es für mich ein Unterschied, dass das Ordinariat in Dresden relativ freundlich mit uns umgegangen ist. Wir waren für die Kollegen. In Würzburg waren wir „die von der KHG! Kommen die schon wieder!“ Fast so etwas wie für Trump die Ausländer sind.

F.: Wie sind Sie dazu gekommen als Studentenseelsorger zu arbeiten?

Der Wechsel von der Jugendarbeit in die Studentenseelsorge war ein Auftrag des Provinzials. Er brauchte unbedingt einen Studentenpfarrer in Würzburg. Mein Vorgänger war sehr unbeliebt in der Studentengemeinde. War ganz dramatisch. Sie haben ihn offiziell abgewählt und aufgefordert, dass er zurücktritt. Der Bischof wollte ihn aber unbedingt halten, weil so etwas nicht geht, dass man jemanden feuert. Aber der Provinzial ist dahin gegangen und hat mit allen Mitarbeitern der KHG… Im Vergleich zu hier war das ein ganz anderer Betrieb. Es waren etwa 1000 Studenten, die pro Woche ein und aus gingen. Wir hatten 30 Arbeitskreise. Ich hatte einen Sonntagsgottesdienst vormittags von über 100 Besuchern zu verbuchen und abends kamen über 200. Würzburg, das ist das katholische Hinterland gewesen. In der Vormittagsmesse waren auch andere Leute als Studenten, weil die in einer Zentrumskirche stattfand – in der sogenannten Marienkappelle (eine ordentliche gotische Kirche). Die war die Bürgerkirche im Gegensatz zum Dom.

F.: Dann wurden Sie vom Provinzial nach Leipzig versetzt?

Nein! Es kam die Wende 89. Da hat der Provinzial gesagt, dass es gut ist, wenn die Grenze weg ist, dass wir Leute in den Osten schicken.

F.: Gab es keine Jesuiten im Osten?

Doch, es gab welche. Aber die waren nur noch alt. Aber wie das eben so ist, ist die ganze Ostblockkirche ist im Widerstand gegen den Kommunismus konservativ geworden. Wenn der Feind vor den Mauern liegt, ist in der Burg Burgfrieden, da wird nicht diskutiert. In Dresden gab es eine Synode, die sehr bekannt war. Die war den anderen war zu liberal. Nach dem Bischof Otto Spülbeck wurde ein ganz konservativer Nachfolger bestellt, also ein ganz heiligmäßiger Mann. Der freiwillig nach Sibirien ins Gefangenenlager gegangen ist, um die Gefangenen als Priester zu betreuen. Der war sehr konservativ und hat die Dresdner Synode nicht mehr einberufen. Die Synode sei gegen die kirchliche Lehre (häretisch), wurde das begründet. Da gab es viel Protest, auch von prominenten Vertretern der Synode, unter anderem dem Probst Hanisch, der damals noch Domkapitular in Dresden war. Zu meiner Zeit, als ich hierher kam, war er Probst in Leipzig. Hanisch war ein aufrechter Streiter, zum Beispiel als Beauftragter des Bischofs für die Verhandlungen mit der Stasi –  das hat man ihm später vorgeworfen, was ihn sehr verletzt hat, weil er wirklich kein Kollaborateur war, sondern der kirchliche Beauftragte für die Verhandlungen.

F.: Wie hat sich die Dresdner Synode zusammengesetzt, dass sie gerade so Anstoß erregte?

Da komme ich jetzt in unbekanntes Gebiet: Das waren gewählte Mitglieder, auch aus Gemeinden – Laien.

F.: Zurück nach Leipzig…

Es gab auch hier in Leipzig Jesuiten. Als ich herkam, vier Personen. Aber es gab den Impuls in den Osten zu gehen. Es wurden auch Leute vom Osten in den Westen versetzt, um eine Durchmischung zu erzeugen. Die Leute hier wolltennicht hören, da kommen „Wessis“ und wollen hier der Kirche helfen: „Wir brauchen keine Hilfe, wir sind selber gut genug.“ Wir haben deshalb bloß gesagt, dass wir zum Austausch kommen, damit das besser zusammenwächst. Dann bin ich sehr schnell sehr vorsichtig geworden.

F.: Haben Sie sich einmal in die Nesseln gesetzt?

Ja, dauernd. Aber da komme ich gleich noch drauf. Der Provinzial wollte, dass etwas passiert und hat dann angefragt, wer dafür bereit wäre. Dazu habe ich gesagt, dass auch im Westen Studentenpfarrer fehlen und es sinnlos ist, von Würzburg wegzugehen. Als dann aber die Anfrage direkt kam, habe ich mit der Kommunität geredet und habe auch so den inneren Impuls verspürt: Mach das! Darauf habe ich dem Provinzial geschrieben, mir scheint, in ein Land zu gehen, wo es nur so 5% Katholiken gibt, ist vielleicht eine wichtigere Aufgabe als im katholischen Würzburg zu arbeiten. Ich wäre bereit, dahin zugehen. Daraufhin haben sich etwa 40 Jesuiten aus Süddeutschland gemeldet. Und dann gab es weitere eine Initiative, die unabhängig davon entstand. Einige jüngere Jesuiten wollten im Randgruppenmilieu arbeiten und den sozialen Auftrag der Jesuiten wieder stärker konkretisieren. Dazu sagte der Provinzial: Dann geht doch in den Osten. Das war der erste Schritt. Und der zweite Schritt war, dass er mich gefragt hat, ob ich als Superior da mitgehe. Denn er wollte nicht, dass es so wie in Berlin-Kreuzberg wird. Dort gab es ein ähnliches Projekt (Wohnprojekt für Obdachlose und Flüchtlinge). Die sind aber ein bisschen aus dem Orden herausgewachsen.

Der Provinzial wollte einen, der nicht so charismatisch, aber dafür bodenständiger ist – (Knüfer lacht) ich weiß nicht, wie ich das sagen soll. Da hat er mich gefragt: Bist du bereit damit zugehen? Ja, das mache ich. Der bescheidene Lebensstil und die Armenanbindung an die unteren Gesellschaftsschichten sind mir wichtig für den Orden. Die Jesuiten heben sich nämlich leicht gerne etwas ab. Also habe ich zugesagt. Dadurch waren erst einmal die zwei Stränge zusammen. Und der Provinzial wollte auch, dass einer Hausoberer wird, der nicht aus dieser Initiativgruppe stammt, so dass es noch einen dritten Gegenüber gibt, der dem Projekt wohlwollend gegenübersteht. Damals wusste ich aus der deutschen Studentenpfarrei-Konferenz, dass der Eberhardt Tiefensee, der mein Vorgänger hier war, aufhören wollte, um zu habilitieren. Er war Priester der Diözese, hat in Philosophie promoviert und war kurze Zeit Kaplan, wurde dann Studentenpfarrer. Es sollten auch wieder Priester in den theologischen Lehrberuf. Da ich wusste, dass er aus Leipzig weggeht, habe ich dem Provinzial gesagt: So eine Kommunität, die neu gegründet wird, braucht auch irgendwie eine Basis, damit die Kommunität Geld verdient. Deshalb habe ich gesagt, wenn wir nach Leipzig gehen und ich dort Studentenpfarrer werde, könnte ich mir vorstellen, dass der Bischof froh ist, wenn du ihm einen gelernten Studentenpfarrer anbietest. Ich habe hier in Würzburg sechs Jahre mit Anstand eine Studentengemeinde verwaltet und bin kein junger Hüpfer mehr, sondern 54. Das wäre dem Bischof vielleicht gar nicht unangenehm. Denn ich wusste aus anderen Gegenden Deutschlands, nicht viele Priester wollen Studentenpfarrer werden.

F.: Warum nicht?

Die haben Angst.

F.: Wollen die keine Chance zum Ausprobieren statt einer festgefahrenen Gemeinde?

Es gibt viele junge Leute, heute noch mehr als früher, die Angst haben. Die hatten im Westen noch die 68er im Kopf. Das Bild im Kopf war: Studenten sind sehr gescheit, diskutieren und reden einem ein Loch im Bauch, denen sind wir intellektuell nicht gewachsen.

F.: Ganz neue Sichtweise. Hätte man sich gar nicht so gedacht.

Auch hier hat sich niemand danach gedrängelt, Studentenpfarrer zu werden, als Nachfolger von Tiefensee. Der Bischof war froh, einen neuen Studentenpfarrer zu kriegen. Und so gingen wir nach Leipzig –  wir hätten auch andere Städte wählen können. Die anderen haben dann zum Teil Jobs bekommen. Der eine war Krankenhausseelsorger, der andere halbtags im Gefängnis, einer war Hilfskaplan…

Der Bischof hat das Angebot angenommen und es stand fest, ich werde Nachfolger vom Tiefensee. Nicht, weil ich hierher wollte, ist der Tiefensee gegangen, sondern weil Tiefensee gegangen ist, bin ich hierher gekommen. Diese Kausalität war mir immer wichtig zu betonen. Ich habe den Tiefensee nicht verdrängt. Aber das war mein größtes Hindernis, als ich hier angefangen habe. Unabhängig von Ost und West. Tiefensee war ein sehr guter Studentenpfarrer und sehr beliebt. Nichts Dümmeres kann einem passieren, als ein sehr guter Vorgänger. Du wirst dauernd gemessen an dem Vorgänger. Tiefensee war ein geborener Leipziger, Tiefensee war noch nicht verbraucht. Er war erst drei Jahre hier. Er war insgesamt nur drei Jahre Studentenpfarrer. Wie soll ich sagen… der Trennungsschmerz wurde natürlich auch auf mich projiziert. Somit hatte ich genau den gegenteiligen Einstieg zu Würzburg. Nach Würzburg musste ich, weil sie meinen Vorgänger loswerden wollten und haben mich mit offenen Armen empfangen. Hierher kam ich und sie sehnten sich nach ihrem Tiefensee. Tiefensee war mir gegenüber völlig loyal. Er hat gesagt, lass dich da bloß nicht einschüchtern. Auch die Sekretärin, die damals da war, war mir gegenüber sehr loyal. Aber unter den Studenten war es gespalten. Es gab eine Gruppe Studenten, die haben mich sofort sehr offen aufgenommen, auch unter den Sprechern. Und es gab eine andere Gruppe von Studenten, die waren mir gegenüber sehr reserviert. Dazu kamen dann Gerüchte… Weiß der Kuckuck was… Dann spielte natürlich das Ost/West-Ding eine Rolle… „Der ist dazu noch ein WESSI. Jetzt geht der Tiefensee weg und wir kriegen einen Neuen und der kommt aus dem Westen!“ Manche haben gesagt: „Wir haben auf den gesamtdeutschen Konferenzen gehört, dass er gut sein soll.“ Aber z.B. in der größten Krise sagte jemand (in der Krisenvollversammlung, die ich einberufen habe): „Man hat uns gesagt, da kommt ein guter Mann und jetzt kommt so etwas.“ Und noch was, ich war 54 und man sagte mir :„Sie sind uns zu modern.“ Ich habe mein ganzes Leben lang gefightet, die rebellische Jugend und die Kirche wieder zusammen zu halten und dann die Studenten und die Kirche wieder ein bisschen zusammenzuführen. Wir standen ja in diesen Jobs im Westen immer so, dass es nicht völlig auseinanderbricht. Und ich komme hier her und die sagen mir, du bist uns zu modern (lacht). Und da war ich 54. Ich habe mir eingebildet (durch meine Kontakte, es hatte ja jede Westgemeinde zum Osten eine Patengemeinde), ich wüsste ungefähr wie die ticken. Das ist mir schon aufgefallen, dass vieles sehr anders ist. Aber dass es so anders ist, da habe ich mich verschätzt. Ich hatte zuerst gesagt: Ich ändere hier nichts, ich übernehme erst mal alles und mache vielleicht noch ein paar Sachen, die ich meine für ganz gut halte. Ich habe gesagt: Ihr wisst, woher ihr kommt. Das müsst ihr mir beibringen. Aber ich weiß, wohin jetzt der Zug fährt. Das ist vielleicht ganz gut, wenn ich einbringe. Denn mit der Wende ist einfach eine neue Situation entstanden. Aber ich war da nicht vorsichtig genug. Das gab Krisen noch und noch. Es gab zwar keinen offenen Streit. Die haben nach 40 Jahren DDR gelernt, nicht offen zu widersprechen, sondern gegen die Wand laufen zu lassen. Also haben die mich jetzt einfach auflaufen lassen. Das war wiederum selbstverständlich für die Studenten, dass das die Form der Auseinandersetzung ist. Wie ich dann bei dieser besagten Konfliktsitzung gesagt habe: „Ich bin noch nie in meinem Leben so gegen die Gummiwand gelaufen, wie hier.“ Da ist denen auch das Kinn heruntergefallen. Das haben die nicht so wahrgenommen, wie sie mit mir umgegangen sind.

Mein Kollege in der ESG war auch aus dem Westen importiert. Er meinte, bei ihm in der ESG laufe alles bestens. Dann sind die Sprecher zum Landesbischof gegangen und er musste gehen. Er hat den Konflikt nicht wahrgenommen und verdrängt. Das war sein Fehler.

F.: Hatten Sie sonst so Kontakt mit dem ESG Pfarrer?

Wir haben uns monatlich zum Kaffeetrinken getroffen. Mit ihm hatte ich sehr guten Kontakt. Sein Nachfolger dann, Stephan Bickhart, den habe ich als der Ältere, weil das hier üblich war im Osten, das „du“ angeboten. Drei Tage später kam er und wollte das „du“ doch zurücknehmen. Ich hätte ihn überrumpelt. So kam die absurde Situation, dass wir in der ökumenischen Oststudentenpfarrerkonferenz alle per du waren, nur der Bickhaupt und ich waren per „Sie“. Aber er ist von seiner Position nicht abgegangen.

F.: Gab es Projekte zwischen KSG und ESG?

Es gab das Bonzenbier. Alle vier oder acht Wochen haben sich die Sprecherkreise getroffen. Dann gab es gelegentlich gemeinsame Veranstaltungen (Ökumeneabend) im Semester. Dazu gab es noch die Eröffnungs- und schlussgottesdienste. Damit hatte die Fakultät nichts zu tun. Sie hatte ihren eigenen Eröffnungsgottesdienst und die Studentengemeinden haben unabhängig davon ihren Eröffnungsgottesdienst veranstaltet. Das war vielleicht auch besser so. Nach dem, was man heute so hört, beneide ich Christian nicht. Für uns war der Eröffnungsgottesdienst in der Nikolaikirche ein ganz wichtiges Werbemittel. Der Eröffnungsgottesdienst war immer ökumenisch und der Schlussgottesdienst war konfessionell getrennt. Das ökumenische Leben war nicht sehr rege, aber es war nicht nichts… sagen wir mal so. Und es waren Protestanten hier (KSG), wie es jetzt immer noch der Fall ist. Einige wenige, ganz wenige Katholiken gingen in die ESG, vielleicht wer dort gerade mal einen Freund hatte. Die Evangelen haben viel soziale Arbeit gemacht. Wer da mitarbeiten wollte, ist in die ESG gegangen. Und die Evangelen haben bei mir meditiert. Ich hatte hier einen Meditationsarbeitskreis.

Ich habe mir gedacht, ich ändere nichts und schaue. Aber mein Stil Gottesdienst zu feiern, war halt ein anderer.

F.: Wie?
Das würde auch heute bei euch nicht mehr ankommen.

F.: Das könnte man ja mal so aus Interesse ausprobieren…? (Knüfer lacht ganz laut)

Ich nehme in der Regel nicht die normalen Hochgebete, höchstens die Schweizer Hochgebete, die auch genehmigt sind. Oder ich formuliere die Schlussgebete oder das Tagesgebet um, ich nehme sie woanders her oder formuliere sie frei. Aber nicht aus dem Messbuch, weil mir das alles kirchliches Fachchinesisch zu seinen scheint, ziemlich nichtssagend. Ich habe das eher leger im Gottesdienst gemacht . Heute sind die Studentenpfarrer anders, der Christian und auch der Clemens, die sind sehr korrekt liturgisch. Das bin ich nicht.

F.: Das war der Punkt, an dem Sie dann zu modern waren?

„Sie sind uns zu modern.“ Ich habe ordentliche katholische Messen gehalten. Da hat dogmatisch nichts gefehlt. Ich bin auch ganz stolz darauf, ich habe so gut Theologie studiert. Ich habe bei allen Konflikten, die ich mit dem bischöflichen Ordinariat in den Jahren gehabt habe, nie wegen grundlegender dogmatischer oder moralischer Fragen Probleme gekriegt. Auch nicht kirchenrechtlich. Sondern wegen politischer Fragen. Und da war dann hier ziemlich Ruhe. Man hat hier niemanden beim Ordinariat verpetzt. So eine Stasimentalität gab es hier nicht. Ich hatte nie eine Anzeige beim Bischof gehabt. Aus der Gemeinde ist es auch sehr, sehr unwahrscheinlich. Das war eher in der Zeit in der Orientierung, als ich in der Nikolaikirche gepredigt habe und halt auch manche Dinge gesagt habe, über die sich Leute im Westen aufgeregt hätten.

Einer in der Probstei hat sich mal aufgeregt, dass man sich bei mir beim Gottesdienst nicht sicher sein kann, was gleich kommt. Der kam in die Sakristei nach der Messe und hat mich zusammengeschissen nach Strich und Faden. Und ich habe einfach nichts gesagt, habe ihn ausreden lassen. Und dann ist er sofort gegangen. Ich hätte ihm gerne eine Mail geschrieben. Aber er ist später nochmal auf mich zugekommen. Ich habe ihn wieder ausreden lassen und ihm erklärt, welches Anliegen ich habe. Dass es mir darum geht, dass Menschen, die (gerade in der Propstei) von außerhalb der Kirche kommen oder Randsiedler der Kirche sind, oder solche, die nicht stockkatholisch sind, und die während des Gottesdienstes mit unserer Kirchensprache, dem Kirchendeutsch nichts anfangen können, dass die einen Zugang zum Gottesdienst finden. Er hat zu mir gesagt: „In allen Kirchen in Leipzig weiß ich immer, was wann kommt. Nur Sie haben andere Formulierungen!“ „Na, sehen Sie“, habe ich gesagt, „wenn Sie einen ordentlichen Gottesdienst haben wollen, können Sie in alle anderen Kirchen gehen, nur Sonntagabend ist ein bisschen anders.“ Und das hat er dann auch verstehen können, nachdem ich ihm zwei Stunden zugehört habe.

Aber jetzt kommen wir wieder zur Studentengemeinde zurück.

Da waren Differenzen. Ich habe schon etwas Druck gemacht. Ich bin ein dynamischer Typ. Damals war ich auch noch ein bisschen jünger, heute wäre es bestimmt etwas anders. Irgendwie lief es zu schnell. Die Studenten waren natürlich hinreichend verunsichert durch den Umbruch der Wende. Es war plötzlich alles anders. Und da wollten sie, dass die Kirche so bleibt wie sie ist. Ich hatte den Spruch drauf: Wer will, dass es so bleibt wie es ist, der will nicht, dass es bleibt. Wir können mit den Modellen von gestern nicht Zukunft gestalten… Das Paradoxe war, ich mit meinen 54, oder dann langsam 55, 56 Jahren musste den Zwanzigjährigen sagen: „Ihr müsst nach vorne schauen!“. Aber so offen waren die Diskussionen nicht, die haben mich einfach nur auflaufen lassen. Mir ist dann auch ein bisschen das Wort im Hals stecken geblieben. Zum Beispiel haben mir Leute gesagt, die mich von Würzburg her kannten, dass ich in Würzburg viel besser gepredigt habe, als in Leipzig.

F.: Weil sie sich hier so ein bisschen verhindert gefühlt haben?

Ja, wenn man vor einer Gemeinde steht und merkt, man kommt einfach nicht an. Die lehnen einen einfach ab, da jeder Schwung verloren.

F.: Wie lange hat dann der Prozess gedauert, bis sie Sie angenommen haben, ohne alles mit Misstrauen zu hinterfragen?

Die halbe Zeit, die ich hier war, ungefähr zweieinhalb Jahre. Ich habe mir da gedacht: „Meine Zeit kommt und eure geht.“

F.: Und Sie waren dann bis 1996 hier?

Ich war bis ’97 da. Da war dann natürlich fast die gesamte Studentenschaft ausgewechselt, als ich gegangen bin. Es gab natürlich immer noch Leute, die mich nicht gemocht haben. Die kamen aus relativ konservativen ostdeutschen Pfarrgemeinden. Dann veränderte sich das natürlich langsam: Nach zwei Jahren wurde das erste Mal eine Westdeutsche zur Sprecherin gewählt.

F.: Ab wann sind denn Studenten aus dem Westen zum Studium nach Leipzig gekommen?

Das ging relativ schnell, da die ZVS (Zentrale Vergabestelle für Studienplätze, Anm. der Red.) die Leute durchgemischt hat. Zum Beispiel waren sehr viele Bayern zum Medizinstudium hier.

F.: Und die sind dann auch hier in die Gemeinde gekommen?

Ach, keine Spur, genauso wenig wie die Sorben oder so… Es waren schon ein paar Bayern dabei, aber nicht zu dem Prozentsatz, in dem sie an der Uni vertreten waren. Aber die Sorben sind das ja auch nicht hier und die aus dem Eichsfeld auch nicht. Das sind Milieukatholiken. Die sind katholisch, weil man da katholisch ist. Und wenn sie am Wochenende heimfahren, dann gehen sie wieder in der Kirche, aber wenn sie in der Woche oder auch am Wochenende hier sind, sind sie nicht zu sehen. Die Polen sind genauso, ich hatte immer ganz wenige polnische Studenten hier in der Gemeinde. Die aber trotzdem kamen, waren sehr bewusst und das waren tolle Leute. Ich hatte ein paar Sorbinnen hier, die waren wirklich fitte Mädchen.

F.: Wie haben Sie die zweieinhalb Jahre hier durchgehalten? Stand jemand hinter Ihnen?

Das hat der Tiefensee ganz gut erkannt. Sie gingen zu Tiefensee und haben ihm ihr Leid geklagt. Der war zwar mittlerweile schon außerhalb Leipzigs, aber er kam immer mal wieder und die Studenten hatten noch Kontakt. Und der sagte: „Dass der aufgibt, damit dürft ihr nicht rechnen. Das ein harter Knochen.“ Er hat mir sehr den Rücken gestärkt. Er hat zu mir gesagt: „Mir ging es genauso, als ich hier angefangen habe. Da haben sie meinem Vorgänger nachgetrauert und mir erst einmal bloß Ablehnung gezeigt.“ Das war kein Ost-West-Problem.

Es gab einen Teil der Studenten, die mich akzeptiert hat – wie sich dann nach zwei Jahren herausgestellt hat, sogar die Mehrheit. Grade am Anfang gab es zwei ehemalige Sprecher, die mich voll akzeptiert haben. Das einzige, was ich neu gemacht habe, war der Meditationsarbeitskreis. Da waren dann auch Leute drin, die sonst nicht in der KSG sind. Das war schon meine Erfahrung aus Würzburg, dass ich auch nichtkirchliche Leute über gegenstandslose Meditation und über soziales Engagement in die Gemeinde bringen kann. Und so Kontakt herstellen kann in Dingen, die wesentlich christlich sind, also in Spiritualität oder im sozialem Engagement, nicht durch Kegeln oder sonst was. Deshalb habe ich das hier gemacht. Das Meditieren, das liegt mir halt. Es waren Leute dabei, die sind nur zum Meditieren hergekommen. Da sagten die Konservativen: „Die gehören gar nicht richtig zur KSG. Diese Meditierer da, das sind Fremdkörper.“ Da sagte ich: „Ist euch eigentlich bewusst, dass der Vorsitzende des Gemeinderats und zwei Sprecher auch bei den Meditierern sind? Sind die auch Fremdkörper?“ Aber das ist meistens nicht offen diskutiert worden. Weil ich das so gespürt habe, habe ich dann einen ausgesprochenen Fauxpas gelandet… aber vielleicht war es doch richtig: Beim Patfest gab es immer den großen Ballabend und es war vorgesehen, dass der Studentenpfarrer eine Lobrede auf die Sprecher hält. Die Mehrheit der Sprecher war damals von der Opposition und es spreizte sich mir die Feder, wie ich etwas schreiben sollte. Also habe ich mir gedacht, ich mach mal etwas anderes, habe zur Gitarre gegriffen und einen Bänkelsong vorgesungen nach der Melodie des Kinderliedes „A B C, die Katze lief im Schnee“. Wir haben das umgedichtet. „Muh, muh, muh, wer schlachtet hier die Kuh? Die Kuh die ist so heilig, der Pfarrer hat es eilig. Muh, muh, muh, wer schlachtet hier die Kuh?“ Dazu kamen Strophen dazwischen und dann habe ich die versammelte Gemeinde aufgefordert, den Refrain mitzusingen. Also war es auch selbstkritisch, „der Pfarrer hat es eilig“. Aber dass ich hier eine Kuh schlachten will, die auch noch heilig ist. Einen Konflikt so offen anzusprechen und dann auch noch auf dem Patfest, das war ein absoluter Fauxpas. Die Feierlaune war dahin. Der Gottesdienst am nächsten Tag, das war eine Begräbnisveranstaltung.

Und da habe ich dann gesagt, ich schlage euch vor: Wir machen eine Vollversammlung. Jeder, der was auszufechten hat mit mir, der kommt und dann reden wir. Im Gegensatz zu meinem evangelischen Kollegen habe ich nicht gesagt, da gibt es kein Problem. Ich habe gesagt: „Da gibt es ein Problem, reden wir drüber. Ich bin jederzeit bereit. Ich bin das aus dem Westen gewohnt, mich einer Abstimmung zu stellen und wenn die Mehrheit gegen mich ist, bitte ich den Provinzial, mich abzuberufen.“ Ich war in der verbandlichen Jugendarbeit, ich musste mich alle Jahre einer Abstimmung stellen, in der Bundesleitung, in der Diözesanleitung, das war ganz normal. Da sind auch Leute abgewählt worden. Das ist das Problem: In der Kirche gibt es keine Demokratie. (Knüfer lacht) Gut, jedenfalls einem Geistlichen gegenüber nicht. Der ist geweiht und damit basta. Ich habe gesagt: „Ich stelle mich einer Abstimmung, aber ich beantrage sie nicht. Einer von euch muss den Mut haben und die Nase herausstrecken und sagen: ‚Ich möchte, dass wir abstimmen!'“ Es hat sich keiner gerührt.

F.: Was haben die Leute sich denn gedacht, was ihnen dann passiert? Es gab doch eigentlich keine Konsequenzen. Es gab doch ohnehin schon ein Problem…

Da passierte nichts. Sie wären nicht exkommuniziert worden. Aber die Studenten mit dieser Meinung waren gar nicht in der Überzahl… Das hat sich schon bei der Vollversammlung gezeigt, die war schlecht besucht. Bei der Vollversammlung selbst hat sich herausgestellt, dass sie keine Mehrheit hatten. Dann ist das ziemlich zerbröselt. Wir haben dadurch natürlich auch Leute dadurch verloren.

F.: Haben die sich gesagt: „Was kommen wir noch hierher, wenn es hier immer Stress gibt?“

Ja, nicht Stress, aber es ist nicht unseres. Das ist eine typische Geschichte. Eine sagte: „Ich komm hier her am Dienstagabend, (da war der Vortragsabend, der sogenannte Hauptabend) und es sind jedes Mal andere Leute da. Früher hat man immer die gleichen Leute getroffen.“ Da war sie ein Semester weg in Oxford und dann kam sie wieder und sagte: „Ich kenne niemanden mehr.“ Ich kam auch leider nicht ins Gespräch mit ihr und habe mir leider nur gedacht: Das war in den Pfarrgemeinden das gleiche, die sind auseinandergebröselt, die Leute hatten ganz andere Möglichkeiten. Die Pfarreien und auch die Studentengemeinden gehörten zu den wenigen Orten, an denen man alternativ zum System denken und reden konnte in der DDR. Reden zwar nur mit Vorsicht, da die KSG auch ihre Stasispitzel hatte. Trotzdem ging das noch und deshalb kam man her und war regelmäßig da. Es war ein enger Zusammenhalt. Plötzlich nach der Wende hatte man tausend Möglichkeiten. Da ist man dann halt nur zwei Mal im Monat in die KSG gekommen. Die Unverbindlichkeit, die heute ja noch mehr blüht, die hat da angefangen. Ich habe einmal einen Studenten gefragt: „Wie oft kommst du?“ „Ja, dann und dann, wenn mich das Thema interessiert.“, „Siehst du“, habe ich gesagt, „die anderen nehmen sich das Recht auch. Kein Wunder, dass du jedes Mal andere triffst.“

F.: Das ist auch ein Problem, was Christian heute sieht.

Es ist schwierig, aber es ist so. Die Studenten haben sich ganz schwergetan, sich damit abzufinden, dass alles in Fluss gerät. Da war ich daran schuld. Es gab das Gerücht, ich wolle den Hauptabend abschaffen und nur noch Arbeitskreise einführen, denn so war das in Würzburg. Da habe ich gesagt: „Ich bin doch nicht besoffen. Ich schaff doch nicht was ab, was läuft.“ Was ich nicht so gefördert hab, aber das hat der Eberhardt Tiefensee auch nicht: Das Patfast ist ja eine ungeheure heilige Kuh. Da wird Energie investiert, noch und noch, aber mal etwas für die Flüchtlingsarbeit machen oder an die Uni zu gehen… das war auch einer der Gründe, warum ich die Studentenpfarrerarbeit aufgegeben habe. Ich wollte etwas für die Atheisten hier in Leipzig tun, ich wollte Studenten motivieren zu sagen: „Wir müssen präsenter an der Uni sein. Wir müssen Professoren hierher einladen,“ und lauter so Geschichten. Mein Gott, das war ganz schlimm, dass ich gesagt habe: „Eigentlich sollten wir uns umbenennen in Hochschulgemeinde. Wir sind nicht nur für die Studenten, sondern auch für die Hochschule da.“ – „Nein, dieses Wessizeug brauchen wir nun wirklich nicht.“

F.: Hochschulgemeinde würde bedeuten, dass sich auch die Hochschullehrer zugehörig fühlen könnten?

Könnten. Das war in Würzburg auch nicht der Fall. Allerdings hatte ich in Würzburg Leute aus dem akademischen Mittelbau dabei, als Arbeitskreisleiter. Die haben sich klug verhalten, die haben nicht dominiert und nicht für das Sprecheramt kandidiert. Beim Gemeindeforum, das war die Vollversammlung, sind sie nicht aufgetreten und haben nicht das große Wort geführt. Haben sich diskret verhalten, aber ihren Dienst geleistet. Da ich trotzdem gut 20 Jahre älter war als die, Doktoranten, Habilitanten, konnte ich mit denen locker umgehen.Die alte KSG hier in Leipzig und die Studentenpfarrer nach mir haben großen Wert daraufgelegt, dass die Alten verschwinden. Es gab natürlich auch Fälle hier in der KSG, wo alte Leute hier ewig rumgehangen haben. Das war dann schon zum Teil nicht konstruktiv, die haben nicht ins Leben gefunden. Das war aber nicht meine Perspektive. Meine Perspektive war, dass die Älteren etwas schaffen. Die haben ja Kontinuität gewährleistet über den Wechsel der Semester. Man kann ja in der Studentengemeinde für die Verweildauer generell nicht mehr als drei Jahre rechnen: Das letzte Jahr macht man Examina, das erste muss man sich eingewöhnen…

Diese Gerüchte zum Beispiel spielten eine große Rolle, es gab  zu meiner Zeit nicht mehr und nicht weniger Arbeitskreise als vorher. Den Philosophischen Arbeitskreis, den der Eberhard Tiefensee gemacht hat, der ist eingegangen. Später haben noch zwei Studenten etwas anderes eingeführt: Einer hat das internationale Kochen angefangen und der andere einen Teearbeitskreis. Der war ein absoluter Teefan und hat die ganze Teephilosophie und Kultur des Teetrinkens da erklärt. Das hat er ein, zwei Semester gemacht, dann war auch wieder gut. Da habe ich gesagt: „Warum soll er nicht?!“ Und alles andere blieb beim Alten. Wie gesagt, das war schwierig. Als ich aber dann gegangen bin, die letzten zwei Jahre waren sehr angenehm.

F.: Haben Sie gemerkt, wie sich bezüglich Lebendigkeit und Glaube etwas gewandelt unter den Studenten im Vergleich zu Ihrer Zeit? Sie bekommen das ja aktuell auch nur am Rande mit, wie das jetzt bei uns so ist, wie junge Leute jetzt eingestellt sind im Vergleich zu vorher? Vielleicht auch über die Orientierung?

Da möchte ich ganz vorsichtig sein, mit Äußerungen, weil ich da zu wenig Einblick habe. Es sind gelegentlich Studenten beim Meditieren in der Orientierung aufgetaut, aber die waren in aller Regel nicht katholisch, nicht christlich. Beim sozialen Engagement, bei der Arbeit im Flüchtlingsrat, da habe ich Studenten getroffen, gelegentlich waren da auch welche von der KSG dabei. Ich habe den Eindruck, dass generell in der Kirche, auch bei den jungen Leuten eine konservativistische Richtung, konventionellere Richtung gewünscht wird. Dass der Clemens (Blattert SJ, Anm. der Red. ) hier so gut angekommen ist, hatte natürlich verschiedene Gründe. Der ist ja vor allem mit seiner Liturgie angekommen. Ersteinmal war er ein guter Musiker und das macht beim Gottesdienst viel aus. Aber dass der dann so mit Weihrauch – ich habe nie ein Weihrauchfass in die Hand genommen. Weihrauch, Ministranten alles ganz wichtig…

F.: Die gab es gar nicht bei Ihnen?

Der am nächsten Stehende hat den Wein gereicht, ich habe Leute gehabt zum Vorlesen und geschaut, dass immer jemand Musik macht. Ich glaube, damals, als ich angefangen habe, da wären die Studenten froh gewesen, wenn ich das Weihrauchfass geschwungen hätte. Clemens, das war ein strahlender, hübscher, dynamischer, junger Mann, da waren plötzlich doppelt so viele Studenten im Gottesdienst wie vorher. Das ist schon etwas anderes als vorher… Allerdings war ich einfach froh, die Gemeinde in den Umbruchszeiten zusammenzuhalten. Ich habe zahlenmäßig keine Leute verloren. Darin sah ich meine Hauptaufgabe: Das Schiff der Gemeinde über die Stromschnellen der Wende zu steuern. Im Anschluss kam Andreas Reichwein, da ist es nicht zusammengebrochen, aber auch nicht mehr geworden. Nach ihm kam Markus Luber, der ist jetzt Juniorprofessor in Frankfurt für Religionswissenschaften. Nach ihm kamen Alexander Eck, Clemens (Blattert) und dann der Christian (Braunigger), der ist mein siebter Nachfolger. Also ich werde alt. Übrigens haben zwei meiner Nachfolger geheiratet. Aber: Wie sich das Glaubensleben von damals und heute unterscheidet? Was zum Beispiel gleichgeblieben ist, dass die Studentengemeinde, damals wie heute, relativ introvertiert ist. Es sollte bewusster werden, dass man einen missionarischen Auftrag in einer atheistischen Gesellschaft hat. Ich erzähle euch einmal ein Beispiel aus Würzburg: Dort gab es drei Dritte-Welt-Arbeitskreise, davon ein Lateinamerika-Arbeitskreis. Dort war einmal ein chilenischer Bischof eingeladen, mit dem wir ein Interview hatten. Da ging es um die Frage: „Wie macht ihr das mit der Studentengemeinde in Santiago de Chile?“ – „Ja, es gibt einen nebenamtlichen Priester und den Rest machen die Studenten. Die sprechen ihre nichtchristlichen Kommilitonen an und bringen die in die Gemeinde.“ Da sagten die deutschen Studenten: „Man kann mit denen doch nicht über den Glauben reden.“ Da meinte der Bischof: „Habt ihr denn keine Freunde? Dann müsst ihr mit denen doch über das reden, was euch wichtig ist: Über euren Glauben.“ Das ist wichtig, gerade in einer Stadt, wo wir fünf Prozent ausmachen. Ich bin wirklich nicht dafür, dass wir das so machen wie die Methodisten, Mormonen oder Freikirchler, aber die Kirche hat einen apostolischen Auftrag. Man muss doch seinen Glauben einbringen und zum Beispiel Veranstaltungen organisieren und irgendwie versuchen Angebote auf die Beine zu stellen, die besonders ansprechend sind für Nichtchristen. Es muss nicht jeder gleich zum Gottesdienst kommen. Aber dieser Blick, dieses Bedürfnis der Studenten, Heimat zu haben und unter sich zu sein mit Gleichgesinnten, ist wahnsinnig groß, was ich ja auch verstehe. Andererseits wird man langsam erwachsen, hoffentlich, da ist es nötig, Verantwortung als Erwachsene zu übernehmen. Also das sind schwierige Themen. Vielleicht überfordere ich da auch, vielleicht schätze ich das falsch ein… Deswegen ist eines meiner Anliegen, die Kirchensprache ins Verständliche hinein zu verändern. Leider teilen das unter den Kollegen nur wenige. Ich erzähle da bloß ein Beispiel. Wenn Sie die Ohren offenhalte, wie die Schussgebete der Messe klingen: Achtzig Prozent der Schlussgebete klingen gleich und zwar nach dem Schema: „Wir haben das Mahl der Unsterblichkeit, wir haben das Sakrament des ewigen Lebens, wir haben den Leib und das Blut des Herrn empfangen. Gib, dass diese Gabe uns stärkt für das ewige Leben.“

Ey! Ist das Altarsakrament eine Sache? Das sind immer sächliche Begriffe. Sprache hat ihre Signalwirkung. Ich hatte mal einen Professor, der über die Gnade Vorlesungen gehalten wie über einen Kuchen, den man aufteilt. Wir haben den den Gnadenbäcker genannt. Es geht in der Eucharistiefeier um Begegnung, um Gemeinschaft, um das Gedächtnis Jesu, das sind personale Begriffe und nicht sächliche Begriffe. Die Sprache hat ihre eigene Dynamik. Wenn ich von Vergebung und Erlösung und Geheimnis rede … Was steht denn hinter diesen Begriffen? Gerade in einer Wohlstandsgesellschaft! Wer will denn da erlöst werden? Die Unterschicht, aber die sind nicht hier. Auch manche Leute, die in die Kirche gehen, würden in erhebliche Verlegenheit kommen, wenn man sie fragen würde: „Was heißt das denn alles?“ Ein Student hat einmal gesagt, als ich hier noch Studentenpfarrer war: „Der predigt so konkret, da will ich nicht mehr kommen“. Darauf habe ich gesagt: „Das ist konsequent. Denn ich predige weiter so konkret.“ Wenn ich predige, predige ich schon über die Botschaft der Theologie, aber auch über das Leben.

F.: Das Interview war für uns die Predigt für den heutigen Tag. Bevor wir enden, möchten wir aber noch zwei Geheimnisse klären:  1. Was es mit der Knüfersäule auf sich hat.

Das war ein Skandal. Wie alle Räume hier im Haus war auch im großen Gemeindesaal eine durchgehende Wand mit einer Tür. Aber ich wollte einen Saal haben, um bei größeren Veranstaltungen nicht dauernd woanders hingehen zu müssen. Also habe ich mit einem Bauunternehmen gesprochen. Wir sind hier ja ganz frisch hingezogen, als ich herkam und ich musste sofort den Umzug managen. Ich habe mit dem Bauunternehmer besprochen: „Na gut, reißen wir ein Stück Wand raus und ziehen einen T-Träger rein.“ Und habe gesagt: „Sie übernehmen die statischen Verantwortungen und holen die baurechtlichen Genehmigungen ein.“ – „Ja, machen wir.“

Ich Idiot! Ich hatte ja viel Erfahrung, aber jedenfalls nicht so viel im Baurecht. Ich hätte das unbedingt schriftlich festhalten müssen. Er reißt die Wand raus, hat keine Genehmigung und es statisch nicht sauber berechnet. Am Freitag reißt er die Wand raus und am Samstag ruft mich die Frau an, die darüber gewohnt hat: „Meine Wand hat einen Riss.“ Da ging uns erst einmal der Arsch auf Grundeis. Er hätte das sofort abstützen müssen, als er die Wand rausgeruppt hat, da stehen ja weitere Wände darauf. Da habe ich erst einmal provisorisch was druntergekeilt. Oben war schon ein T-Träger drin, aber die haben das nicht schnell genug abgefangen. Danach ging der Zirkus los. Mein Gott, war das ein Zirkus. Nach der statischen Überprüfung gab es die Alternativen: Auf jeder Seite siebzig Zentimeter die Wand einrücken oder eine Säule in die Mitte setzen. Wenn ich da auf beiden Seiten siebzig Zentimeter die Wände eingerückt hätte, dann wäre das kein Saal mehr gewesen. Deshalb diese relativ schlanke Säule jetzt. Das ist die Knüfersäule.

F.: Die zweite Frage ist: Wie sind sie zu Yoga gekommen ?

Als ich sechzehn war, hat mein älterer Bruder ein Buch gekauft „Yoga für Christen“ von einem belgischen Benediktiner (Jean-Marie Déchanet, Anm. d. Red.). Er hat es gekauft, ich habe es praktiziert. So einfach war das und ich bin reiner Autodidakt gewesen. Deshalb ist es lustig, wenn Leute zu mir sagen: „Das ist unchristlich, das ist ein Bund mit dem Satan.“ Da sag ich: „Ich habe Yoga bei den Benediktinern gelernt und die Zen-Meditation bei einem Jesuiten.“ Also so unchristlich kann das nicht sein.

So habe ich das Yoga gelernt. Als ich dann Jugendarbeit gemacht habe, habe ich auch noch Zen-meditation begonnen und bin dann auf Lasalle (Hugo Makibi Enomiya-Lassalle, Anm. d. Red.) gestoßen, der war zehn Jahre mein Lehrer. Das war immer in Deutschland. Ich bin niemals im Ausland gewesen wegen Meditation. Diesen Meditationstourismus halte ich für Pipifax. Ich weiß von einer ehemaligen Studentin hier, die war in Indien und ist in gottweiß wieviele Orte gefahren. Sie ist auch Yogalehrerin und hat gesagt: „Das war alles Mist, für Touristen gemacht, oberflächliches Gelumpe, das verkauft sich gut.“ Dafür muss ich nicht raus aus Deutschland. Und mit Zen ist das das gleiche. Dieser Spiritualitätstourismus… Man pilgert in das Heilige Land. Ich war nie im Heiligen Land und bin doch katholisch. Ich sehe das vielleicht zu kritisch. Aber mir scheint es viel wichtiger zu sein, etwas gegen den Hunger in Afrika zu tun, als ins Heilige Land zu fliegen. Vielleicht soll man auch beides machen, aber meistens geschieht doch nicht beides. Man geht mit einem guten Hotel ins Heilige Land und dass die in Afrika in der gleichen Zeit verhungern oder im Mittelmeer ersaufen, das kümmert kein Schwein. – Na gut, das stimmt nicht. Es gibt ein paar Katholiken und unter anderen den Papst, die sich darum kümmern. Das Thema ist meines Erachtens das wichtigste. Die werden uns beim Jüngsten Gericht alle anklagen. Stellen Sie sich das mal vor: Die Kinder die in Afrika verhungern, mit der Dürrewelle und mit dem Klimawandel und so weiter und die, die im Mittelmeer ersaufen, die treten beim Jüngsten Gericht gegen die europäischen und amerikanischen Katholiken an. Und sagen: „Anklage erheben wir, Herr! Wir sind verhungert und deine Jünger haben uns nicht geholfen.“ Also ich schlaf da immer noch nicht gut damit. Ich kann da natürlich jetzt sagen: „Ich bin ein alter Mann.“ Aber vielleicht müssten wir viel bescheidener wohnen und viel bescheidener leben.

Das Interview führten Pia Hansen und Mechthild Lorenz.

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1 Kommentar

  1. Dass Bernd mich so positiv beschreibt, geht mir natürlich wie Öl herunter; ich hoffe, es kürzt nicht den himmlischen Lohn. Ich muss korrigierend mitteilen, dass ich vier (!) Jahre in der Studentengemeinde Pfarrer war (1987-1991), glücklicherweise kam Bernd einige Zeit vor meinem Ausscheiden, so dass wir einen fließenden Übergang hatten. Ich habe sofort von einigen seiner Anregungen profitiert und mich gewundert, warum ich auf diese Ideen nicht selbst gekommen bin: Betriebsblindheit, die sich offenbar zwingend einstellt.

    Was im Interview nicht erzählt wird, betrifft die Turbulenzen des
    Umzugs: Das Domizil im Peterssteinweg, das die KSG noch im Sommer 1991 renoviert hatte (ich verließ die Räume, während der Fußboden im Korridor frisch gestrichen wurde – also sozusagen ein Rückzug ohne Wiederkehr), musste wegen Besitzerwechsel dann schon nach wenigen Monaten aufgegeben werden, und mir wird noch nachträglich mulmig, wenn ich daran denke, was dann mit der herumirrenden KSG passiert wäre ohne die Chance, welche durch die Jesuiten sich am Floßplatz auftat. Auch der erste Gottesdienstraum im Keller dort war m.W. Bernds Idee, gestaltet von einem Absolventen unserer KSG, der an der Hochschule für Grafik studiert hatte (Ralf Spadt – jetzt bei minnemedia in Dresden).
    Dass Jesuiten die Gemeinde leiten, ist außerdem die Anknüpfung an die Gründerzeit. 1919 war der erste Pfarrer m.W. ein Jesuit, zwischendurch waren auch immer mal die Oratorianer (Zentrale in Lindenau) dran (u.a.
    mehrmals Wolfgang Trilling), der legendäre Wolfgang Luckhaupt („Lucki“) war wie ich „Weltpriester“ – also am Ende schließt sich mit Bernd Knüfer wieder der Kreis.

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