Mensch, wo ist denn hier der Haken?

Ein Interview über Anfang und Abschied in der KSG

Kaum ist im Juni 2019 mit Martin Rosner OP ein neuer Studentenpfarrer ernannt, wird Schwester Claudia Valk sa in die Leitung ihres Ordens in Paris gewählt. Nur bis Ende Januar 2020 war sie noch in Leipzig. Martins erstes Semester in der KSG ist damit gleichzeitig Claudias letztes. Zeit, um zurück und nach vorn zu blicken.

Interview: Anton Walsch

Schwester Claudia im Gespräch mit Pater Martin in seinem Büro.

Claudia, über welche Wege bist du in die KSG Leipzig gekommen?

Claudia: Leipzig – das ist auf mich zugekommen. Ich wäre nie darauf gekommen, vorher war ich zehn Jahre in der Krankenhausseelsorge in Aachen. In dieser Zeit habe ich auch Exerzitien beim Freiwilligendienst der Jesuiten, JEV, gegeben. Da hat eine Teilnehmerin zu mir gesagt: Claudia, du solltest wieder mit jungen Menschen arbeiten. Ich war lange hauptsächlich mit jungen Menschen unterwegs: in Graz in der Hochschulgemeinde, bei JEV, und ein Jahr im Tschad.

Bei den JEV-Exerzitien habe ich dann Clemens Blattert SJ kennengelernt. Als klar war, dass er 2009 nach Leipzig kommen sollte, hat er mich gefragt, ob ich mit ihm Exerzitien vorbereite und begleite. Dafür bin ich seit 2010 mehrmals von Aachen nach Leipzig gependelt. Dann gab es die Anfrage, ob ich nicht ganz herkommen könnte. Für mich war klar, dass das nur in Gemeinschaft geht. Als Orden haben wir daraufhin hier für eine Projektphase eine Kommunität gegründet. Meine Stelle ist neu eingerichtet worden, auch weil die Studentenpfarrer in Dresden und Leipzig auf eine Sekretariatsstelle verzichtet haben. Ihnen war Seelsorge von weiblicher Seite wichtiger. Im August 2012 habe ich hier angefangen.

Martin, deine erste Vorstellung als neuer Pfarrer kam aus Ungarn

Martin: Genau. Ich hatte in Deutschland die Leitung des Klosters in Mainz, war dort Prior. Das war vielleicht nicht die leichteste Zeit meines Lebens. Ich wollte anschließend eine Auszeit, dabei aber etwas tun. Die Dominikaner in Debrecen, ganz im Osten von Ungarn, haben einen Gottesdienst für ausländische Studierende. Debrecen ist eine Studentenstadt mit 20.000 Studierenden, darunter sehr viele Nicht-Ungarn. Um diesen Gottesdienst herum hat sich eine Studentengemeinde entwickelt. Ich habe also darum gebeten, dort für ein dreiviertel Jahr einsteigen zu können. Das Kloster in Debrecen suchte dafür jemanden und hatte personelle Not.

Davon abgesehen lebe ich aber seit 1990 in Dominikanerklöstern in Deutschland. Ursprünglich bin ich aus Franken – in Schweinfurt geboren, in Nürnberg groß geworden. Dort habe ich eine Bauzeichnerlehre gemacht, in Bamberg dann das Abitur abgelegt und bin in den Dominikanerorden eingetreten. Theologie habe ich in Bonn und ein Jahr in Südafrika studiert.

Wie muss man sich denn die Besetzung der Stelle als Studentenpfarrer in Leipzig vorstellen?

Martin: Das lief, glaube ich, ziemlich unter der Hand. Es gab hier einen Dominikaner, den ich kenne, und es gab das starke Bedürfnis von Christian Baunigger SJ, dass es hier nach den Jesuiten gut weitergeht. Damit will ich nicht sagen, dass es mit mir gut weitergeht – aber das hoffe ich natürlich. Es war einfach so, dass sich dieser Dominikaner dafür eingesetzt hat, dass ich mich hier bewerbe. Auch mit dem Provinzial der Dominikaner in Köln habe ich ausgemacht, mir die KSG Leipzig mal anzuschauen. Also bin ich im März 2019 von Ungarn hergefahren.

Ein heimlicher Besuch?

Martin: Ja genau – dann saß ich hier mit Schwester Claudia und Christian lange zusammen. Ich fand beide sofort sympathisch! Vorher hatte ich etwas gemischte Gefühle, weil ich schon einmal für eine Studentengemeinde verantwortlich war: 2000 bis 2003 in Berlin, unter anderen Vorzeichen. Hier habe ich dann eine ganz andere Gemeinde und andere Strukturen vorgefunden. Nach ein paar Tagen habe ich mich entschieden, „ja“ zu sagen. Später war ich noch in Dresden und habe die Verantwortlichen in der Studentenseelsorge und den Bischof kennengelernt.

„Meine ganze Zeit hier ist einfach cool gewesen!“ – Schwester Claudia Valk sa

Gehen wir einen Schritt weiter: Claudia, welche Entwicklungen hast du in deiner Zeit hier so beobachten können – sind Studenten am Ende immer wieder gleich?

Claudia: Ganz klar: Es gibt unterschiedliche Generationen und Entwicklungen!

Als ich hergekommen bin, kannte ich nach zwei, drei Messen alle Namen. Das war eine kleine Kerngemeinde mit fünfundzwanzig Leuten, die dann immer mehr angewachsen ist. Dabei sind die Ränder unschärfer geworden. Das liegt sicher auch daran, dass Studierende nicht mehr jeden Sonntag in die Messe gehen. Viele kommen mal, bleiben dann mal wieder weg. Auch Auslandssemester haben zugenommen. Ich glaube, quantitative Schwankungen sind ganz normal.

Was ich sehr schön finde: Die Gemeinde hier ist wirklich jung. In all den sieben Jahren sind immer wieder neue gekommen. Manchmal braucht es vielleicht ein bisschen „Nachhilfe“, aber es ist doch so, dass die Älteren den Absprung wagen. Nur dann trauen sich die Jungen, etwas Neues zu gestalten.

Wie sehr prägen denn die Hauptamtlichen so eine Studentengemeinde?

Claudia: Das Schöne an diesen Ost-KSGn ist, dass die Studenten einfach das Leben prägen und ganz viel Einfluss haben. Wenn die Küchenseele begeistert ist, dann läuft der Laden. Oder wenn es danach aussieht, als gäbe es keinen Chor mehr, und dann nimmt es Julia in die Hand – auf einmal sind ganz viele KSGler im Chor und der läuft super.

Aber: die Hauptamtlichen haben doch Einfluss. Was deren Herzensanliegen ist, wirkt sich in der Gemeinde aus. Clemens Blattert SJ waren Exerzitien, Gemeinschaft, Liturgie, Musik, Persönlichkeitsentwicklung, und die Sakramente ganz wichtig. In der Zeit waren viele Taufen und Konversionen.

Christian Baunigger SJ war Spiritualität genauso wichtig, dazu herausfordernde Predigten, ein einfacher Lebensstil, aber eben auch das Politische und das Internationale. Es gibt jetzt viel mehr internationale Studierende. Auch die Fahrten nach Rom, Ungarn, Rumänien, Bulgarien haben diese Anliegen widergespiegelt.

Was waren deine Herzensanliegen?

Claudia: Mein Anliegen ist die Verbindung von Spiritualität und Sozialem. Eine Gottesverbundenheit, die sich nicht irgendwie auch mitmenschlich auswirkt, ist faul. Exerzitien und die verschiedenen sozialen Aktionen sind ein Ausdruck davon. Das Amt der Sozialministerin ist deshalb neu kreiert worden, auch die Sozialseele.

Mir und meinen beiden Kollegen war auch die Frage wichtig, die Studierende implizit oder explizit stellen: Was mache ich mit meinem Leben? Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch eine ganz spezielle Berufung hat. Deshalb gab es Wochenenden zur Entscheidungsfindung und zur Charismenfindung. In diesem Zusammenhang habe ich auch Wochenenden zum Thema Partnerschaft initiiert. Mich fasziniert jeder Mensch und Gott geht einen Weg mit ihm/ ihr. Das zu begleiten empfinde ich als großes Privileg der Seelsorge.

Was könnte die „Phase Martin“ ausmachen, Claudia?

Claudia: Das fragst du mich? Das wird eine sehr gewagte Antwort!

Martin: Ich bin da überhaupt nicht böse…

Claudia: Wenn man etwas über einen Pfarrer sagt, hört es sich so an, als ob er anderes nicht im Blick gehabt hätte. Das stimmt nicht. Bisher habe ich Martin als jemanden kennengelernt, der viel Raum gibt – auch Clemens und Christian haben Raum gegeben – aber ich ahne, dass bei dir die Studierenden noch mehr selbst in die Hand nehmen müssen. Ich habe außerdem den Eindruck, dass du Akzente bei der Kunst und Bildung setzen wirst.

Martin, deckt sich das mit deinen Ideen?

Martin: Mein Bild nach dem ersten Treffen war: Hier ist eine Studentengemeinde, in der gemacht wird, was die Studenten wollen, wo nichts aufgedrückt wird. Das war für mich das Hauptargument, es hier zu versuchen.

Ich hatte Claudia und Christian auch gefragt, ob es hier unantastbare ‚Heilige Kühe‘ gibt. Die sind für einen Neuanfang immer ein Problem. Claudia und Christian haben etwas überlegt und meinten dann: die drei Ms: Messe, Musik, und Mittagessen. Da dachte ich spontan, das sind doch keine Heiligen Drei Kühe – das ist selbstverständlich und wichtig!

Jetzt herzukommen und zu sagen „Ich setze diesen und jenen Akzent“, wäre respektlos gegenüber dem, was schon da ist. Ich muss erst einmal schauen, auch ausprobieren – respektvoll schauen und die ganzen Vorzüge kennenlernen. Spaßeshalber habe ich schon gefragt: „Mensch, wo ist denn hier der Haken?“ Es gibt ein paar Sachen, die etwas kompliziert sind, aber eigentlich läuft es gut – kommt da noch irgendwas?

Im letzten Jahr hat Pater Knüfer im Interview mit dem Freundeskreis gemeint, dass das Patronatsfest so eine Heilige Kuh sei. Stimmt das, Schwester Claudia?

Claudia: Ja, das sehe ich schon auch. Ich habe das Patronatsfest erst hier kennengelernt. Aus der Geschichte heraus ist mir die große Bedeutung völlig verständlich. Mit der Rosenthalwallfahrt war es eine der wenigen Möglichkeiten, sich im größeren Rahmen und überregional als junge, studierende, katholische Menschen zu treffen.

Das ganze Sommersemester ist vom Patronatsfest geprägt. Ungeheure Energien werden in die Vorbereitung hineingesteckt. Ich habe aber manchmal bedauert, dass im Sommersemester dann für andere Sachen weniger Energien frei sind.

Kommen wir noch mal auf die Herzensanliegen zurück: Martin, gibt es Akzente, die du dennoch jetzt schon skizzieren kannst?

Martin: Es gibt etwas, dass mir schon seit vielen Jahren auffällt: Die Menschen, vor allem die Katholiken, lesen nicht richtig in der Bibel. Als Kind war ich in der evangelischen Jugendgruppe, eine katholische gab es nicht. Da wurde ordentlich Bibel gelesen! Noch heute weiß ich Gedankengänge, die ich damals hatte; wie ich die Lebendigkeit und Betroffenheit der Texte erlebt habe. Ich merke, dass viele diesen Reichtum nicht kennen. In meiner Zeit im Bildungshaus in Braunschweig, 2003 bis 2015, ist es mir deshalb wichtig geworden, Seminare zum Alten Testament anzubieten. Die Schönheit des Psalmengebets, die Aussagen, dass Gott von Anfang an um mich weiß – das sind Dinge, die mich wirklich tragen. Das möchte ich gerne weitergeben. Den Priesterberuf habe ich auch gewählt, weil ich die Freude mit Gott anderen Menschen mitteilen möchte.

Ein anderer Aspekt ist der kulturelle: In Berlin hatte ich viel mit Menschen zu tun, die nicht gläubig waren, aber Kunst studiert haben. Die haben gesagt: wir müssen die christliche Ikonographie kennen. So habe ich gemerkt, wie man mit Kunst predigen kann. Über die Kunst kann man mit Menschen zu ganz tiefen, existentiellen Themen ins Gespräch kommen. Wie ich das hier machen kann, weiß ich noch nicht genau. Ich sehe das ganz breit von romanischen Kirchen bis zur Oper. Es wird wahrscheinlich auf Exkursionen herauslaufen, wobei ich die Studentengemeinde aber nicht mit einem Kunstseminar verwechseln möchte. Wenn das nicht ankommt, gilt sowieso: Ich will mich nicht aufdrängen. Nur weil ich so begeistert bin vom Alten Testament und von der Kunst, heißt es nicht, dass ich einen ungesunden Missionseifer habe.

An welchen Punkten, Claudia, hättest du gerne noch Akzente gesetzt?

Claudia: Etwas, dass für mich immer eine Herausforderung war, ist die Frage nach dem Innen und dem Außen. Die Studentengemeinden hier im Osten haben eine super Gemeinschaft. Sie sind Schutzräume, in denen sich Glauben entwickeln kann und Persönlichkeit gestärkt wird. KSGler und KSGlerinnen sind hier in ihrer sonstigen Umgebung fast immer in Verteidigungshaltung oder bekennen sich gar nicht zu ihrer Glaubenshaltung. Da ist für mich klar, dass es diese Schutzräume braucht. Studenten in Glaubensfragen sprachfähig zu machen, habe ich deshalb auch als wichtige Aufgabe von Studentenseelsorge empfunden.

Gleichzeitig war es für mich immer eine Herausforderung: Mensch, wir müssten doch mehr in die Gesellschaft, an der Uni wirken. Ich hatte immer vor, eine Sprechstunde an der Uni auszuprobieren, nicht nur hier in der KSG – so schön die Räume auch sind. Mit der ganzen Vielfältigkeit meiner Aufgaben als Studierenden-Seelsorgerin im ganzen Bistum und als Geistliche Begleiterin des RAK habe ich es aber nicht geschafft.

Ich meine außerdem, dass wir uns als KSGler einmischen müssen. Da habe ich mich gefreut, dass die Themenabende politischer geworden sind; dass man Zeitzeugen aus der Phase des Umbruchs 1989 hört. In diesen Zeiten, die mir große Sorgen machen, in denen Demokratie und die Umwelt auf dem Spiel steht, in denen es bedrohliche politische Entwicklungen nach rechts gibt, müssen wir uns mehr politisch einbringen. Es ist fast ein Schuldbekenntnis, wenn ich sage, dass ich da nicht genug hinterher war.

Martin: Die KSG ist ja ein Ort, wo Studierende Demokratie lernen! Dass sie hier Gemeindegestaltung begleiten dürfen, dass der Studentenpfarrer das ernst nimmt, dass es eine Gemeindeleitung gibt – das alles ist auch ein Lernen und eine Befähigung.

Claudia: Das stimmt, natürlich!

Martin: Das macht stark. Es macht es auch leichter, den Glauben zu verkünden. Zu sagen: Da bin ich unsicher, da habe ich Schwierigkeiten – das braucht Sprachfähigkeit und Ernstgenommenwerden. Es ist ganz basisdemokratisch. Da hast du, Claudia, durch deine Arbeit hier schon viel beigetragen.

Jetzt haben wir viel über ‚große‘ Entwicklungen gesprochen. Claudia, gibt es konkrete Momente und Erlebnisse, die dir besonders präsent sind?

Claudia: Meine ganze Zeit hier ist einfach cool gewesen! Ich bin total dankbar für die letzten zehn Jahre. Meine Lebensfreude hat hier noch einmal zugenommen und ich habe so manches dazugelernt. Ich habe mir auch eingestehen müssen, dass mir dieser Abschied hier, bei all meinen Wechseln in meinem Ordensleben, am schwersten fällt. Jetzt etwas herauszugreifen, scheint mir im Moment wirklich schwer.

Eine kurze Zeit zu überschauen ist da vermutlich leichter. Welche Eindrücke sind dir seit dem Sommer besonders in Erinnerung geblieben, Martin?

Martin: Mir ist von Anfang an aufgefallen, dass die Studenten mir sagen und aussprechen, dass ich willkommen bin. Das tut gut! Man traut mir das zu – so unverdiente Vorschusslorbeeren!

Ich finde es außerdem immer sehr schön, wenn ich am Sonntagmorgen in die Alois-Andritzki-Kapelle komme und dann schon mit voller Kraft musiziert wird. Wie schön es ist, mit so einer musikalischen Gestaltung zu feiern. Samstagnachmittag ist hier das ganze Stockwerk geprägt von wunderbaren Kochgerüchen. Da läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Ich würde zu gern naschen. In Franken heißt das „Topfgucken“.

Was hast du an Leipzig schon lieb gewonnen?

Martin: Ich liebe die Straßenbahn, die finde ich spitze. Das Design vieler Waggons, die lustige Werbung – das macht mir jeden Tag Freude. Ich hab mir die Hauptkirchen angeschaut, ein paar Wege in den Parks, auch das Völkerschlachtdenkmal, was ich völlig unnütz finde. Ganz begeistert bin ich dagegen vom großen Elsterflutbecken. Da ist schon vor hundert Jahren überlegt worden, wie man den Überschwemmungen begegnet. Es macht mir wirklich Freude, mich hier in der Stadt zu bewegen. Ich muss meinen Rhythmus noch finden, aber ich freue mich auf den Sommer, wenn es draußen mal etwas gemütlicher ist.

„Die Schönheit des Psalmengebets, die Aussagen, dass Gott von Anfang an um mich weiß – das sind Dinge, die mich wirklich tragen.“ – Pater Martin Rosner OP

Machen wir einen großen Sprung: Claudia, du bist in den Generalrat deines Ordens gewählt worden. Was wird in Paris deine Aufgabe sein?

Claudia: Wenn ich das so genau wüsste – ich wachse da gerade erst hinein. 40 Delegierte aus der ganzen Welt haben mich als eine der 4 Generalrätinnen gewählt. Gemeinsam mit der Generalleiterin und einer Generalökonomin setzen wir um, was die Delegierten als Leitlinien für die kommenden Jahre entwickelt haben. Da geht es um Ökologie, den Einsatz für Gerechtigkeit und wie wir die Herzensanliegen unserer Gründerin umsetzen. KSGler können es sich im Grunde wie eine Gemeindeleitung vorstellen. Unsere Aufgabe in Paris ist es nach der Befragung jeder Schwester gute Teams für die Leitung in den Einheiten in der ganzen Welt zusammenzustellen. Das ist sehr partizipativ.

Es ist auch viel Administratives, da muss ich mich richtig reintigern: schon das französische Vokabular beim Verkauf von Häusern. Es ist auch viel Papierarbeit, verbunden mit Besuchen in den Einheiten in der ganzen Welt.

Leipzig betitelt sich seit Goethe gerne als „Klein Paris“. Nun wechselst du ins echte Paris. Was wirst du vermissen, worauf freust du dich?

Claudia: Ich habe Leipzig sehr lieb gewonnen! Ich bin überhaupt kein Großstadtmensch, aber da es hier sehr grün ist, habe ich mich wohlgefühlt. Die Seen, den Auwald werde ich vermissen, und das Fahrradfahren wird in Paris auch nicht so leicht sein.

Ich freue mich auf ein tolles Team, super Frauen, mit denen ich da zusammenarbeite. Auch das Internationale liegt mir. In Frankreich habe ich den Orden kennengelernt. Die Vorfreude ist bisher trotzdem verhalten. Ich merke einfach, dass ich noch sehr hier bin. Es ist eine riesige Herausforderung für mich und auch ein Abschied von der Seelsorge, die ich jahrzehntelang sehr gerne gemacht habe. Jetzt mal „seelsorge- und verkündigungsabstinent“ zu sein, kann aber auch meiner eigenen Gottesbeziehung guttun.

Martin, du warst schon einmal Prior im Kloster. Hast du da einen guten Rat an Claudia, den du ihr für die Ordensleitung mitgeben kannst?

Martin: Ein Ratschlag ist immer auch ein Schlag, da muss man ganz vorsichtig sein. Ich habe drei Jahre in Leitung erlebt. Es ist in keiner Weise attraktiv, es ist echt ein Dienst. Es macht einsam. Wenn du die Leitung bist, bist du auch eine Projektionsfigur, automatisch arbeitet man sich daran ab. Das wünsche ich dir nicht, sondern dass du locker, cool und freudig deinen Weg des Glaubens weiter gehst. Wenn man seinen Glauben weitergeben darf, kann das auch sehr schön, sehr spirituell sein. Ich erlebe dich hier als bunt und freudig. Du hast den Leuten was zu sagen – dass das bleibt, das wünsche ich dir!

Claudia: Die Freude am Glauben zu verlieren ist nicht so meine Befürchtung. Ich habe ja schon sieben Jahre Provinzrätin hinter mir. Ich habe eine Begeisterungsfähigkeit und wenn ich einmal in Paris bin, werde ich die auch entfalten. Gerade ist allerdings noch Abschied dran – ich liebe es einfach, mit jungen Menschen zu arbeiten, mit Männern und Frauen.

Claudia, was kannst du Martin aus deiner Zeit in Leipzig weitergeben?

Claudia: Präsenz ist ganz wichtig! Da sein, ansprechbar sein. Das ist mir auch von außen gespiegelt worden.

Das eigene geistliche Leben und gute Beziehungen außerhalb der Arbeit zu pflegen, mit den anderen Schwestern, freundschaftliche Beziehungen – das war mir wichtig. Das Studium ist eine besondere Lebensphase. Ich bin so gerne mit Menschen in diesem Alter zusammen, aber gleichzeitig dankbar, dass ich diese Phase nicht noch einmal durchleben muss. Sich ins Erwachsenenleben reinzukämpfen, Entscheidungen treffen müssen, die wirklich zukunftsprägend sind: Studienfach, Beruf, Partnerschaft, Lebensform. Bei allem Schönen ist das ein Ringen. Das fordert auch uns als Seelsorger und Seelsorgerinnen – dafür braucht es dann wieder Kraftquellen.

Martin: Das ist auch meine Erfahrung. Jedes Gefäß, aus dem man nimmt, muss irgendwann auch wieder betankt werden. Zur Präsenz hatte Christian mir gesagt: Die Predigt schreibst du am besten am Samstag im Büro, die Tür etwas offen. Ich habe das ein paar mal versucht. Es waren immer Studis hier, nicht nur die vom Kochen – ich kam überhaupt nicht zu meiner Predigt.

Claudia: Ich denke manchmal, ich hätte mir mehr Freiraum erlauben können. Mir tut es wirklich leid, dass ich die schönen, klaren Seen nicht mehr genutzt habe. Wir haben sie ja fast vor der Haustür.

Martin: Das ist doch ein guter Ratschlag: Schau dir die Seen an, geh da spazieren.

Claudia: Schwimmen. Geh Schwimmen, lass dich tragen!

Fotos: Anton Walsch

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