Eine Ikone für die KSG


An einem eiskalten, aber sonnenklaren Februarmorgen treffe ich den Künstler Sebastian Hosu im philosophischen Institut in Leipzig. Er malt für die Kapelle der KSG eine Ikone des Seeligen Alois Andritzki, die dieses Jahr zum Jubiläumspatronatsfest enthüllt wird – eine großzügige Absolventenspende macht es möglich. Aber wie sieht eigentlich eine moderne Ikone aus, in einer Welt von Facebook und Instagram? Ist ein solches Projekt nicht hoffnungslos aus der Zeit gefallen? Sebastian steht mir Rede und Antwort.

Frage: Lieber Sebastian, bevor wir beginnen, erzähle uns doch von deiner Beziehung zu Leipzig und zur Studentengemeinde.

Hosu:Ich war 2013 bis 2016 als Meisterschüler an der Hochschule für Gestaltung und Buchkunst bei Professor Heribert C. Ottersbach. Im Mai 2013 kam ich das erste Mal nach Leipzig, um mich an der Hochschule persönlich vorzustellen. Erst im Februar hatte ich meinen Führerschein gemacht. Dann bin ich schon drei Monate später mit dem Auto aus meiner Heimat Rumänien hierher gefahren. Einige meiner Arbeiten hatte ich zusammengerollt, in das Auto gepackt und nach Leipzig transportiert, um sie in der Hochschule zu zeigen. Mit Professor Ottersbach haben wir über meine Bilder gesprochen und er hat mir die Zusage gegeben, dass er mich als Meisterschüler nimmt – sonst wäre ich jetzt nicht hier. Meine erste Wohnung war in der Gieserstraße, in der Nähe der Spinnerei. Da gibt es eine schöne Kirche [Liebfrauenkirche, Anm. der Red.], in der ein Gottesdienst in polnischer Sprache abgehalten wurde. Anschließend habe ich mich mit dem Pfarrer unterhalten und er hat mir von der Studentengemeinde erzählt. Ich habe dort sogar einen Flyer der KSG gesehen und mitgenommen. Dann bin ich mittwochs oder donnerstags in die KSG gekommen. Jörg [Jörg Nies SJ, Anm. der Red.] begrüßte mich und lud mich zu den Sonntagsgottesdiensten mit anschließendem Mittagessen ein. Nach dem ersten Sonntag bin ich auch ein zweites Mal gekommen und schließlich jeden Sonntag hingegangen, auch dienstags zum Café International. Gleich in demselben Jahr hatte Pater Clemens [Clemens Blattert SJ, damals Studentenpfarrer, Anm. der. Red.] die Idee, dass er eine Jesus-Ikone haben möchte, als Projekt für die Exerzitien im Advent. Bei diesem Projekt habe ich auch Johanna kennen gelernt, die ich 2016 geheiratet habe.

Frage: Das Jesus-Bild war also die erste Ikone, die du für die KSG gemalt hast. Wie bist du dabei vorgegangen?

Hosu: Zuerst hatte ich eine Kohlezeichnung in einem Skizzenbuch angefertigt. Als ich das Buch zusammengeklappt habe, färbte die Kohle auf der gegenüberliegenden Seite ab, so dass sich ein gespiegeltes Bild der ursprünglichen Ikone ergab. Dieses Spiegelbild habe ich für den weiteren Prozess verwendet. Auf diese Weise kam ein Zufallselement in den Prozess. Die Kohlezeichnung ergibt ja nur einen sehr unpräzisen Abdruck. Dieses Zufallselement fand ich sehr interessant. Meine Gedanken werden nur teilweise auf das zweite Blatt übertragen. Es war für mich aufregend zu sehen, was so zusätzlich zum Bild hinzukommt, das ich mir nicht ausgedacht oder geplant hatte. Dieser zweite, zusätzliche Teil des Bildes ist für mich das Entscheidende. Ich wollte eine Arbeit schaffen, die für mich auch selbst eine Mystik hat, die ich nicht zu hundert Prozent kontrolliere. Dadurch, dass ich nicht über jedes Detail des Christusbildes bewusst entscheide, erscheint es mir mystischer. Das entsprach für mich der sakralen Bedeutung, die eine Ikone hat. Meine Rolle als Künstler wird so auch bescheidener und das Bild lässt dem Betrachter mehr Raum für seinen Blick. Dieses Kriterium ist ohnehin für mich bei allen meinen Bildern sehr wichtig: Jeder Betrachter sollte sein eigenes Bild aus einer Arbeit für sich herausnehmen.

Frage: Wie gehst du nun bei der neuen Ikone vor, dem Bild von Alois Andritzki?

Hosu: Als Erstes lese ich viel über ihn und seinen Lebenslauf. Dabei mache ich mir zunächst Gedanken über ihn, ohne mir ein reales Foto oder Bild von ihm anzusehen. Ich konzentriere mich darauf, wie sein Leben war, und lasse so eine fiktive Form von ihm in meinem Kopf entstehen. Erst danach, als Zweites, schaue ich mir natürlich verschiedene Fotografien von ihm an, aus dem Internet, Gebetsbüchern und anderen Quellen. Meine anfänglichen Gedanken sind schon als Bildinformation da, sie sind ein visueller Eindruck, den ich nicht in Worte fassen kann. Beim Malen muss ich dann herausfinden, ob es wirklich stimmt, was ich mir vorstelle, oder nicht. Der Eindruck wird konkreter, wenn ich anfange zu malen. Dann kann ich es auch besser mit Worten beschreiben. Schließlich kommt dann noch die wichtige Frage hinzu, in welchem Raum ich das Porträt schaffe. Für mich spielt der Raum eine genauso wichtige Rolle wie der Inhalt (das eigentliche Porträt).

Frage: Der Raum ist in diesem Fall die Kapelle der KSG?

Hosu: Nein, ich meine den Raum in der Malerei. Der Inhalt ist das Porträt, aber das Porträt muss in einem Raum stehen, sei es nur eine Farbe, oder eine Wand hinter der Person. Durch den Raum wird ein wichtiger Kontrast zum Porträt erzeugt.

Frage: Wann entscheidest du dich für bestimmte Techniken, Farben, Größen etc.?

Wenn ich anfange, mir Gedanken über ein neues Gemälde zu machen, tauchen verschiedene Bildeindrücke in meinem Kopf auf. Ich greife dann auf bestimmte Teile dieser Eindrücke zurück und baue sie wie ein Puzzle zusammen. Hierfür fange ich immer mit einem Teil an und entscheide dann, was als nächstes nötig ist. Jeder Schritt braucht einen nächsten Schritt. Das ist auch wie ein Spiel. Ich bin nicht so, dass ich mir im Voraus alles ausdenke, sondern ich fange einfach an. Wenn ich einen Anfang habe, dann bekomme ich ein Gefühl, welcher nächste Schritt der richtige ist, um das Bild produktiv weiter zu bringen. Das passiert alles im Prozess. Ich mag es, mich im Arbeitsprozess zu überraschen. Ich bin eigentlich auch als Mensch genauso: ich plane nicht alle Tage im Voraus, sondern lasse mich gerne überraschen.

Frage: Wie entscheidest du, dass dieser Prozess abgeschlossen und das Bild gelungen ist?

Hosu: Das spürt man. Da gibt es keine mathematische Formel, sondern man schaut sich das Bild an und dann bewegt sich alles richtig auf der Leinwand. Wenn ich habe das Gefühl habe, dass das Bild lebendig ist und wirkt, dann ist es fertig.

Frage: Lässt sich dieses Gefühl lernen oder ist es etwas angeborenes?

Hosu: Das ist auf jeden Fall etwas, das sich in der Zeit entwickelt. Früher in meinem Studium musste ich andere Arbeiten abbilden, mit einer Fotografie als Vorlage. Dabei hat man schnell bemerkt, wenn man die Qualität der Arbeit erreicht hat, die in der Fotografie präsent ist, und hat dann aufgehört. Das war aber nur die Methode im Studium. Heute male ich Bilder, die wenig mit Fotografie zu tun haben. Ich muss also heute ein konkretes Gefühl dafür haben, was jetzt wichtig ist oder nicht, und das passiert intuitiv.

Frage: Arbeitest du bei der Ikone anders, weil es ein religiöses Kunstwerk wird?

Hosu: Ich versuche, allen meiner Bilder eine ehrliche Form zu geben. Dadurch haben diese Bilder für mich eine spirituelle Ebene. Sie gibt ihnen etwas ganz persönliches, etwas ganz Tiefes – das kann man eigentlich „sakral“ nennen.

Frage: Trotzdem scheint Kunst, die ausdrücklich religiös ist und religiöse Themen hat, etwas Besonderes zu sein, oder nicht? Ich habe den Eindruck, dass moderne Malerei und Religion ein schwieriges Verhältnis haben. So hängt beispielsweise kein einziges Gemälde in der neuen Propstei.

Hosu: Ja, in der Propstei sehen wir ein Interesse an minimaler Darstellung. Ich weiß aber nicht, ob das in anderen Ländern genauso ist. Deutschland ist ja reformatorisch-evangelisch. Es ist also ganz ganz normal, dass das Innere der Kirche minimalistisch gestaltet ist. Das hat ja mit der Vergangenheit zu tun.

Frage: Wie ist das in Deiner Heimat? Hängt dort moderne Kunst in den Kirchen?

Hosu: Die Menschen in meiner Heimat wären ungern in einer modernen Kirche. Selbst in einer ganz neu erbauten Kirche würden sie Bilder schaffen, die überhaupt nicht modern wären. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen noch nicht bereit sind für zum Beispiel eine abstrakte Darstellung des Christus oder irgendeines anderen biblischen Themas.

Frage: Könnte es sich um zwei unterschiedliche Vermeidungsstrategien handeln? Hier in Deutschland sind die Kirchen protestantisch leer, in Rumänien wird am liebsten traditionelle Kunst aufgehängt. In beiden Fällen wird aber der Herausforderung moderner sakraler Kunst aus dem Weg gegangen.

Hosu: Hier wird die Kirche, der Raum geleert, weil wir nicht wissen, wie es weiter geht. Aber wir haben immerhin den Raum für die nächsten Projekte schon aufgeräumt. In meiner Heimat, im Osten Europas ist es vielleicht so, dass sie Angst haben, die Kirche zu leeren, weil sie wissen, welche Konsequenzen das mit sich bringt. Sie fürchten die Konsequenzen. Durch die Entwicklung der Welt werden aber neue Formen und Konzepte geschaffen, was es heißt, an Gott zu glauben. Dadurch muss der Kunst in der Kirche eine neue sakrale Form gegeben werden. Es muss sich das Verständnis entwickeln, was eine Ikone ist, genauso wie sich unser Denken über Gott entwickelt und so wie sich der Mensch im Alltag ändert, etwa durch Wirtschaft und Technik. Diese Veränderung des Denkens über Gott geschieht automatisch. Also hat der Mensch den Wunsch, eine Ikone zu sehen, die nicht wie von Rembrandt im 16. Jahrhundert gemalt wurde, sondern passend zu den heutigen Umständen wahrgenommen wird. Die Entwicklung in der Welt muss sich auch in der Sakralkunst zeigen.

Frage: Wie kommt es zu dieser Ratlosigkeit im Verhältnis von Religion und Kunst heute, die du beschrieben hast?

Hosu: Früher war das Verhältnis von Religion und Kunst ganz eng, wie wir in der Geschichte verfolgen können: Die einen konnten nicht ohne die anderen existieren. Aber heute habe ich irgendwie das Gefühl, dass sich die Kunst für Gott schämt. Ich selbst finde das schrecklich. Ich denke auch, dass heute in der Kunst vieles nur oberflächlich ist. Es wird Kunst geschaffen und wahrgenommen, die keine Seele hat. Die designerische Präsenz eines Bildes spielt eine wichtigere Rolle als der Inhalt selbst.

Frage: Wie meinst du das mit der „Seele“ eines Bildes?

Hosu: Ich spüre es, wenn ein Bild ehrlich gemeint ist – das sieht man. Das große Problem heute ist, dass es in der Kunst nur um das Designerische geht. Das gilt auch manchmal bei Menschen, die auf höchstem Niveau mit Kunst arbeiten, also Kunsthistoriker oder Kunstwissenschaftler. Für mich hat das etwas rein Oberflächliches, das kein Gewicht hat – aber wie könnte das mit Gott oder Sakralität zusammenpassen? Das ist eigentlich ein Gegensatz. Sakralität ist etwas Tieferes. Maler haben früher sich selbst gegeben, wenn sie ein Bild, eine Ikone gemalt haben.

Frage: Das passt ja zu deiner vorigen Bemerkung, dass ein gelungenes Bild, das mit Herzblut und Ehrlichkeit gemalt wurde, immer eine sakrale Dimension hat. Der Zusammenhang von Kunst und Religion ist also nicht zufällig. Heute fehlt aber den Künstlern die Ernsthaftigkeit, sie „geben sich“ nicht mehr?

Hosu: Bei einem Großteil der Maler merke ich nicht, dass dies passieren würde. Die moderne Malerei strahlt irgendwie eine Konfusion aus. Ich habe das Gefühl, dass der Künstler selbst total instabil ist und eine Erscheinung, ein sicheres Bild darstellen möchte. Aber diese Erscheinung ist ja nur wie eine Show. Das merkt man, wenn man sich das Bild zwei Minuten angeschaut hat: Dahinter steckt nichts, es ist nur eine Lüge. Das Bild ist nur eine Scheibe, die viel reflektiert, aber dahinter gibt es den Menschen nicht oder dieser Mensch ist nur ganz konfus.

Frage: Und diese Verwirrung ist der Grund, weshalb religiöse Kunst kaum noch gelingt?

Hosu: Das hat nicht unbedingt mit einem bestimmten Maler zu tun, sondern etwas mit einer ganzen Generation. Ich bin der Meinung, dass der Mensch heute in einer Phase ist, wo er nicht mehr weiß, was links oder rechts bedeutet. Wir leben in einer sehr, sehr instabilen Periode. Die einzige – vielleicht böse – Sache, die den Menschen noch Orientierung gibt, ist das große Interesse für Geld, für das Materielle. Ohne das wäre der Mensch komplett verloren, weil das Geistige total harmlos geworden ist. Wenn man das sieht, dann kann man sofort verstehen, warum Künstler nicht mehr gerne in der Kirche aktiv sind, etwa mit Ikonen, und in ihrer Kunst nicht mehr über Gott sprechen. Ich denke also, dass man irgendwo anders, in vielen verschiedenen Gebieten des Lebens einige Fragen lösen muss und dann kann man zur Kunst zurückkommen. Es hängt alles zusammen, es ist nicht nur ein Problem der Kunst, sondern ein Problem des Menschen.

Frage: Wie versuchst du diese Oberflächlichkeit und Verwirrung zu vermeiden, wenn du an einem Bild arbeitest?

Hosu: Ich habe die Hoffnung, dass ich, wenn ich mir über diese Sachen bewusst bin, mich anders als Maler zu meiner Leinwand in Beziehung setze. Vielleicht kann ich dann mit jedem Schritt doch anders, aber intuitiv anders, besser und präsenter an meinen Bildern arbeiten.

Vielen Dank für das Gespräch! Wir sind sehr gespannt auf deine neue Ikone und wünschen dir gutes Gelingen bei dieser Aufgabe.
Die Fragen stellte Martin Palauneck.

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